Experimente mit Wolle und Knolle
Rosenower Grundschüler sammeln praktische Erfahrungen mit erneuerbarer Energie.
LUPLOW. „Wir zaubern ein bisschen“, sagt Gabriele Dieske, während sie fünf verschiedene Tische mit allerlei Kleinigkeiten bestückt: Wolle, Luftballons, Salz und Peffer, Sonnenblumensamen, Konfetti und Puffreis zum Beispiel. All diese
Dinge hat Gabriele Dieske gestern mit dem Anu-Mobil, einem mit Solarelementen
ausgestatteten Auto-Hänger, nach Luplow in das südliche Torhaus gebracht.
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Natürliche Bedingungen durch Fruchtfolgeeffekte erhalten
Nutzen und schützen
Marktzwänge verursachen enge Fruchtfolgen, das bringt phytopathologische
Probleme mit sich, die durch Pflanzenschutzmittel gelöst werden sollen, was aber
die Wirtschaftlichkeit der Produktion belastet...
Eine ausgewogene und artenreiche Fruchtfolge muss nicht unbedingt wirtschaftliche Einbußen mit sich bringen. Ungewöhnliche Kulturen und Vermarktungskonzepte sowie die vielgerühmten Gratisfaktoren vielfältiger Fruchtfolgen können erstaunlich lukrativ sein, wie das vroliegende Beispiel zeigt.
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Konjunktur durch Raps, Sonne, Wind
Der Boom der erneuerbaren Energien soll an den ländlichen Regionen nicht vorbeigehen, so die Maxime von Andreas Tornow. Der Landwirt vom Gutswerk Varchentin machte vor Jahren eine Rechnung auf: Wie viel geben die 200 Menschen in seinem Dorf dicht an der Müritz wohl für Strom, Wärme, Tanken aus? Über den Daumen gepeilt waren das etwa 300.000 Mark pro Jahr für Ölscheichs und Stromkonzerne. Was wäre, wenn dieses Geld im Ort bliebe?
Tornow besann sich auf das, was da ist: viel Wald, Feld und Flur. Seither fahren Traktoren mit Rapsöl, Raps und Ölmühle stehen vor seiner Haustür. Ebenso der Hanf, der verkauft wird und sanierte Gebäude im Dorf dämmt. Im Hofladen gibt es Fleisch und Wurst aus eigener Produktion. Eichen aus dem umliegenden Wald verbrennen im Holzvergaser. Das gibt Strom und Wärme und spart 20.000 Liter Heizöl im Jahr. Alles selbst machen, was man selbst machen kann. Das Gutswerk Varchentin ist ein Paradebeispiel für die Bioenergieregion Mecklenburgische Seenplatte.
Die ist eine der größten unter den Bioenergieregionen in Deutschland und gehört zu den 25 vom Bundeslandwirtschaftsministerium mit 400.000 Euro geförderten Netzwerken. Das platte Land zwischen den Metropolen Hamburg, Stettin, Berlin soll sich herausputzen als Garten zum Erholen, für hochwertige landwirtschaftliche Produkte, für erneuerbare Energien. Die Initiatoren – Stadtwerke Neustrelitz, ARGE Bioenergie Bollewick, Müritz Biomassehof und Kompetenzzentrum Regiostrom Ivenack – haben Leistungsfähigkeit und Funktionalität des ländlichen Raumes erkannt. Nutzen ihn. Entwickeln ihn weiter.
„Wir haben uns von der Globalisierung gelöst“, sagt der scharf kalkulierende Agrarunternehmer Tornow. Eine Revolution im Kleinen. Am gleichen Strang zieht Frank Schmetzke. Tornow bezeichnet den Chef der Neustrelitzer Stadtwerke als „Partisan, der nicht eher Ruhe gibt, bis die letzte E.ON-Fahne vom Dach geholt ist“. Weil Energie entweder die Grundlage allen Übels oder aber das Fundament jeden Reichtums sei. Deshalb müsse Energie dezentral verfügbar sein, sagt Schmetzke und schafft Tatsachen: Biomasseheizkraftwerk, Biogasanlage, Solardächer, Umweltboni.
Für den Weltfrieden. Für das Klima. Für Perspektiven auf dem platten Land – auch mit Blick auf 2019, wenn der Solidarpakt II ausläuft. Je aktiver die Kommunen sind, je mehr sie Energiefragen selbst in die Hand nehmen, desto mehr profitieren sie von der Trendwende weg von fossilen Energieträgern, hin zu erneuerbaren Energien.
Wie in Ivenack. Dort plant man eine zweite kommunal betriebene Biogasanlage. Die soll eine künftige Großküche mit Warmwasser und Wärme versorgen. In der Großküche werden 14 Leute Arbeit finden. Neben dem Biogas-System betreibt die Gemeinde auch eine Photovoltaik-Anlage. An die 80.000 Euro schafft allein die Sonne so jährlich in die Gemeindekasse. Das ist Wertschöpfung pur. Ökologisch, ökonomisch, sozial. Ein sauberes Konjunkturprogramm. Regionale Kreisläufe können funktionieren.
Susanne Müller
http://www.bioenergie-regionen.de/
Quelle: Wirtschaftsspiegel 5/2010, Seite 30
Hiesige Öle auch mit Rosmarin
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Pressemitteilung der Bioenergieregion Mecklenburgische Seenplatte vom 26.03.2010
Bioenergieregion Mecklenburgische Seenplatte setzt sich ein für ihre Bürger
Die Bioenergieregion Mecklenburgische Seenplatte, ein vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gefördertes Projekt, dass sich zum Ziel setzt, Akteure und Partner mithilfe eines Netzwerkes zum Thema erneuerbare Energien zusammen zu bringen, sucht die Öffentlichkeit, um im Sinne ihrer Bürger das Thema voranzubringen.
Im Rahmen einer Veranstaltung der Thünengesellschaft zum Thema: „Lernräume für nachhaltige Entwicklung der ländlichen Räume – regionale Wertschöpfung“ kamen am vergangenen Mittwoch Mitglieder der Landes- und Bundespolitik, wissenschaftliche Einrichtungen und weitere Akteure zusammen, um gemeinsam etwas für die Regionen zu leisten.
Ziel dieser Veranstaltung war es, den regionalen und globalen Problemen zu begegnen.
Die Bioenergieregion Mecklenburgische Seenplatte präsentierte auf der Veranstaltung ihr Leistungsspektrum, baute das Netzwerk weiter aus und konnte weitere Schlüsselpartner für Ihre Projekte gewinnen.
Auch das Modell des Landeszentrum für erneuerbare Energien – kurz Leea – wurde als ein Projektbaustein der Bioenergie-Region mit präsentiert.
Entstehen wird das Landeszentrum voraussichtlich ab Mitte dieses Jahres neben dem Biomasseheizkraftwerk in Neustrelitz.
Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus, der das Projekt initiiert hat und sich einen Traum damit verwirklicht, freute sich das Modell auf der Ausstellung zu sehen und bekundete mit der Stadtwerke Neustrelitz GmbH den richtigen Partner für eine erfolgreiche Umsetzung gefunden zu haben.
„Die Bündelung der Kompetenzen und die erlebbare und begreifbare Darstelllung der Nutzungsmöglichkeiten erneuerbarer Energien im Leea sind eine große Chance für das Land und somit auch für die Bioenergie-Region - nicht zuletzt ebenso für Neustrelitz. Dies ist ein wichtiger Schritt in Richtung sichere Zukunft mit erneuerbaren Energien“, sagte Falk Roloff-Ahrend, Projektleiter der Bioenergie-Region Mecklenburgische Seenplatte.
„Wir können damit unserem Ziel von einer Belebung des ländlichen Raumes, der Erhöhung der regionalen Wertschöpfung und Schaffung neuer Arbeitsplätze in unserer schönen Heimat ein großes Stück näher kommen.“
v.l.: Dr. Till Backhaus, Daniela Trebbow (Projektassistentin Bioenergieregion Mecklenburgische Seenplatte) und Falk Roloff-Ahrend (Projektleiter Bioenergieregion Mecklenburgische Seenplatte)
Presse
Keine Schauanlage für das Preisgeld
BIOENERGIE Andreas Tornow betreibt kohlenstoffdioxidneutrale Landwirtschaft. Ein SPD-Arbeitskreis besuchte den Hof.
von Julia Schäfer
Varchentin. 400 000 EURO Preisgeld für den Anbau eines Bioenergie-Netzwerkes in der Region Mecklenburgische Seenplatte klingt nach ziemlich viel Geld. Und trotzdem ist Landwirt Andreas Tornow vom Biomassehof Varchentin mit diesem Preis nicht besonders glücklich: "Wir dürfen das Geld nur für den Aufbau eines Netzwerks nutzen. Dabei gibt es viele Dinge, für die wir es dringender benötigen. Aber dafür ist es nicht gedacht." Gemeinsam mit Regiostrom Ivenack, dem zukünftigen Bioenergiedorf Bollewick und den Stadtwerken Neustrelitz gehört der Biomassehof jetzt zur Bioenergie-Region Mecklenburgische Seenplatte.
Tornow betreibt auf seinem Hof einen Laden, er baut Hanf an und experimentiert mit verschiedenen ökologischen Baumaterialien. In der hofeigenen Öhlmühle wird Raps gemahlen. Mit dem Öl fahren seine Maschinen. Um diese Branchen voranzubringen, bräuchte er Schaumaschinen, mit denen er auch anderen Bauern die Vorteile seiner landwirtschaftlichen Produkte deutlich machen könnte. Dafür gebe es allerdings kaum Kredite für Bauern, sagt er. Dabei liege gerade im Hanfanbau ein enormes Potenzial, findet der Landwirt. "Hanf funktioniert völlig alleine. Er wächst ohne Dünger und ohne Pestizide." Allerdings gebe es bisher in ganz Europa nur wenige Maschinen, die Hanf ernten und verarbeiten. Die Firma Kranemann aus Blücherhof gehört übrigens dazu. "Mähdrescher gibt es überall, aber wir wollen nicht auf die Ölsaat verzichten", sagt Tornow. Momentan verkauft er die Saat an einen Vogelfutterhersteller.
"Das Geld könnte für eine bessere Direktvermarktung genutzt werden", erklärt Ute Schild, wirtschaftspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion. Gemeinsam mit Mitgliedern der Arbeitskreise Landwirtschaft und Wirtschaft ihrer Partei besuchte sie den Hof des Landwirts. Besonders von den kohlenstoffdioxidneutralen Baustoffen waren die Sozialdemokraten beeindruckt. Faserplatten, eine Art Backstein aus Beton und Hanf sowie aus anderen Materialien wanderten während des Gesprächs von Hand zu Hand. Die Bau- und Dämmstoffe aus Hanf werden in einer Versuchsanlage in kleiner Stückzahl hergestellt.
Der dreijährige Förderzeitraum beginnt am 1. Juni. Bis dahin soll auch ein hauptamtlicher Manager gefunden sein, der die Aktivitäten der vier Bioenergie-Partner bündelt - und auch Geld für Schauanlagen und andere Projekte sammelt, wie sich Andreas Tornow erhofft. "Aus dem Netzwerk werden die Akteure Geld ziehen können", vermutet auch Ute Schild.
Müritz-Zeitung, Mittwoch, 6. Mai 2009, Seite 14
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Neue Energie für einen Neuen Osten
Ein sauberes Konjunkturprogramm in Permanenz würde sich ergeben, wenn man kompromisslos und endgültig die fossile Ära verabschiedet
Im Dorf Varchentin, nicht weit von der Müritz, mitten in der mecklenburgischen Landschaft, ist sie schon da, die Revolution, die den Osten Deutschlands vielleicht doch noch retten könnte. An der Spitze steht Andreas Tornow, Landwirt mit 1.600 Hektar unterm Pflug, von mächtiger Gestalt wie Obelix und scharfsinnig wie Asterix. In seinem Hauptquartier, dem früheren Pfarrhaus, sitzen wir am großen Tisch in der guten Stube, wo einst der protestantische Geist mit seiner Kinderschar zu Abend saß. "Vor zehn Jahren", erzählt Tornow, "standen wir vor einer einfachen Frage. Sehen wir weiter zu, wie unsere Dörfer allmählich sterben oder besinnen wir uns darauf, dass wir alles haben und alles können? Allein aus Varchentin mit seinen 200 Seelen fließen jährlich 300.000 Mark an die Ölscheichs und Stromkonzerne - das war unsere erste Rechnung und Rapsöl unsere erste Antwort. Alles selbst machen, was man selbst machen kann, dabei sind wir dann geblieben, Schritt für Schritt."
Der Zaubertrank vom eigenen Acker, in der Hofmühle selbst gepresst, speist heute Tornows gesamten Maschinenpark und die Traktoren der Umgebung. Vor allem aber war das "Projekt Dieselersatz" die Initialzündung - für Blockheizkraftwerke, die Strom und Wärme liefern, für einen eigenen kleinen Schlachthof, für ein Dorfrestaurant, für die Holzverwertung, für Arbeit und Einkommen, für die Überzeugung, dass regionale Kreisläufe funktionieren können. "Das ist kein Kampf gegen die Ökonomie, sondern mit ihr", begründet Tornow sein Konzept, "unsere kleine Ölmühle hat Presskosten von 35 Euro je Tonne, bei der riesigen Anlage in Hamburg sind es nur fünf. Aber der Transport der Rohstoffe kostet dort 20 und der Weg des fertigen Produkts zum Kunden noch mal 20 Euro pro Tonne. Wenn man dann noch deren Verwaltungs- und Vertriebsaufwand hinzurechnet, sind wir eindeutig besser. Denn bei uns geht der Raps vom Feld direkt in die Presse und von dort direkt in den Tank."
Ökologischer als alle Grünen, radikaler als alle Linken, zeigt Andreas Tornow, der scharf kalkulierende und gerade deshalb gemeinwohlorientierte Agrarunternehmer, dass nachhaltiges Wirtschaften möglich ist. Aber ist das ein Modell? Vielleicht für die ländlichen Problemzonen, aber doch nicht für Ostdeutschland insgesamt - dieser Einwand liegt nahe und führt dennoch in die Irre. Denn vor den Fragen, die in Varchentin gestellt worden sind, stehen nahezu alle Regionen östlich der Elbe. Was können wir selbst, und wie sollen künftig nachhaltig existenzfähige Wirtschaftstrukturen entstehen, wenn dieses Ziel schon in der Vergangenheit trotz beträchtlicher öffentlicher Mittel für Investitions- und Infrastrukturförderung nicht erreicht werden konnte? Wie sollen anhaltende Schrumpfungsprozesse bewältigt werden, wenn gleichzeitig die von außen bezogenen Transfers zu sinken beginnen?
Aus den multiplen Problemlagen mit überdurchschnittlichen Steigerungsraten der regionalen Wirtschaft "herauszuwachsen" war der ursprüngliche, längst gescheiterte Ansatz. Nicht offiziell, aber faktisch wurde von der Bundespolitik - unabhängig von der Regierungskonstellation - der Versuch aufgegeben, die ostdeutsche Misere als Ganzes zu lösen. Unter der Hand hat sich die anfangs geltende Förderphilosophie ins Gegenteil verkehrt: nicht die Schwächen beseitigen, sondern die Stärken stärken, nicht flächendeckend, sondern punktuell fördern, nicht die Gießkanne für die Landschaften, sondern der Bonus für die industriellen Leuchttürme.
Gebannt auf die knapper werdenden Mittel starrend, wird der einzige Kandidat nicht gesehen, der in hinreichender Breite für eine Trendwende nicht nur in den Dörfern Mecklenburgs sorgen könnte - der ökologisch zwingende, zunehmend aber auch ökonomisch gebotene und für die internationale Arbeitsteilung fundamentale Wechsel der Energie- und Ressourcenbasis. Der Abschied vom Erdöl und später auch vom Erdgas wird vermutlich zu einem besonderen Engpass bei den universell einsetzbaren regenerativen Energieträgern führen. Im Unterschied zu Solar- und Windenergieanlagen kann die Landwirtschaft von vornherein sowohl grundlastfähige als auch speicherbare und transportfähige Energieträger bereit stellen. Für den Verkehrssektor ist Bioenergie bislang sogar der einzige Ersatz, der in nennenswertem Umfang eingesetzt wird, und Erdöl substituierende Grundstoffe für die chemische Industrie können bislang überhaupt nur von der Landwirtschaft produziert werden.
Anders als bei den beiden bisher dominanten Trends weltwirtschaftlicher Entwicklung - der globalen Streuung von Fertigungsstätten nach den Gesichtspunkten der Lohnhöhe und der Marktnähe sowie der Konzentration von anspruchsvollen technischen Kompetenzen in urbanen Clustern - geraten Räume mit einer hochproduktiven und großflächigen Landwirtschaft erstmals nicht ins Abseits, sondern ins Zentrum der ökonomischen Aufmerksamkeit. Der Zugriff auf Bioressourcen und Flächenreserven wird zu einer strategischen Angelegenheit.
Dieser Rückenwind verwandelt sich allerdings nicht automatisch in Jobs und Einkommen. Denkbar ist auch, dass Ostdeutschland zum Objekt einer "passiven Ökologisierung" wird. Das wäre dann der Fall, wenn sich bei der Landwirtschaft nur der Nutzungszweck ihrer Produkte ändert (Energieproduktion statt Nahrungsproduktion), sie aber ausschließlich Rohstofflieferant bleibt, oder wenn Landkreise nur zum Standort von Energieanlagen werden und nur marginal an den wirtschaftlichen Effekten teilhaben. Ein Beispiel für dieses Extrem ist die Windstromerzeugung im Landkreis Prignitz in Brandenburg. Dort sind heute cirka 500 Megawatt Windenergieleistung installiert - rund zwei Prozent der gesamten deutschen Kapazität. Aber fast alle Leistungen kamen von außen. Landkreise, deren Ökobilanz im Strombereich exzellent ist, die aber ökonomisch fast nichts davon haben, sind offensichtlich nicht optimal.
Je aktiver die Kommunen selbst sind, je mehr sie die Energiefragen selbst in die Hand nehmen, desto geringer ist die Gefahr einer nur passiven Ökologisierung, und um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich vor Ort die Fähigkeiten und unternehmerischen Leistungsangebote herausbilden. Ein erfolgreiches Beispiel und im Vergleich zur Prignitz das andere Extrem ist die österreichische Gemeinde Güssing. Sie stand Ende der achtziger Jahre vor Problemen, die mit den heutigen in vielen Orten Ostdeutschlands vergleichbar sind: Strukturschwäche, hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung. Damals wurde in Güssing der sehr ehrgeizige und mittlerweile verwirklichte Beschluss gefasst, die Gemeinde vollständig auf erneuerbare Energien umzustellen. Aufgrund dieser Initiative sind in 15 Jahren eine stattliche Anzahl von Firmen, knapp 500 Arbeitsplätze und das "Europäische Zentrum für Erneuerbare Energien" entstanden. Nicht in der Dimension, aber in der Qualität des Ansatzes vergleichbar ist das Modell Varchentin.
Grundsätzlich können alle Landkreise in Ostdeutschland zu den Gewinnern der ökologischen Modernisierung werden. Die Erzeugung und den Verbrauch regenerativer Energie zu regionalisieren und zu kommunalisieren, ist im Unterschied zum Wettbewerb um externe Investoren aus beliebigen Branchen kein Konkurrenz-Projekt zwischen den Kommunen. Dass es zugleich Chancen der Re-Industrialisierung gibt, zeigen unter anderem die Biodiesel- und Bioethanolwerke, die in Ostdeutschland gebaut wurden. Mit der in Ansätzen bereits begonnenen "Naturalisierung der chemischen Industrie" rücken künftig biogene Grund-, Werk-, Kunst- und Baustoffe in den Blickpunkt. Da unveredelte Biomasse hohe relative Transportkosten verursacht, wird der Standortfaktor "Ressourcennähe" wichtiger.
Die Energie- und Ressourcenwende, die bereits begonnen hat und bis zur regionalen Vollversorgung mit erneuerbaren Energien und sogar echten Exportsituationen weiter vollzogen werden kann, bietet Vorteile, die in kaum einer anderen Branche oder einem anderen Politikfeld zu finden sind. Eigenständiges Handeln von Kommunen, Stadtwerken, Bürgern und Unternehmen ist möglich. Man muss nicht auf Konzerne und Heuschrecken warten. Im Energiesektor ist eine Strategie der "Importsubstitution" technologisch möglich und ökonomisch sinnvoll. Und das Jahr 2019, das Ende des Solidarpakts II, würde nicht mehr wie ein Damoklesschwert über Ostdeutschland hängen, wenn der energetische Aufschwung gelingt. Denn die rund 15 Milliarden Euro, die heute von den Ostbürgern für fremde, schmutzige Energieträger ausgegeben werden, würden vor Ort für neue Jobs, neue Firmen und neue Perspektiven sorgen - ein sauberes Konjunkturprogramm in Permanenz.
Konfliktlos ist dieses Szenario nicht zu haben. Das gegenwärtige Energiesystem ist auf große Unternehmen, große Kraftwerke, große Netze zugeschnitten, und mit der entsprechenden Oligopolmacht ist zu rechnen. Aber "weiter wie bisher" ist keine Alternative. Das ist nirgends deutlicher als in der Heimat von Andreas Tornow. Mecklenburg-Vorpommern hat große, profitable Agrarunternehmen und gleichzeitig besonders drastische soziale Schieflagen im ländlichen Raum. Im Unterschied zu ihren westdeutschen und europäischen Kollegen sind die Bauern im deutschen Nordosten durchaus mit Farmern in den USA vergleichbar. In dieser zugespitzten Analogie wird allerdings auch deutlich: Die ländliche Gesellschaft, die es im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten nicht gibt, hat in Nordostdeutschland ihre ökonomische Basis verloren, weil fast alles, was nicht zum Kerngeschäft der Pflanzenproduktion zählt, seit 1990 abgeschafft worden ist. Wer auf neue Kreisläufe verzichtet, kann die Zukunft in Kansas besichtigen. Kilometerweit Monokulturen, von Menschen keine Spur.
Quelle: der Freitag, 22.12.2006 | Hans Thie








